13.09.2016  Verfasst von Frank Alexander Reusch, Lemonbeat

Das Web of Things bringt Ordnung ins Chaos

Das Internet der Dinge mit all seinen Marktteilnehmern steht vor den gleichen Herausforderungen, mit denen auch das Internet zu kämpfen hatte, als es noch kein World Wide Web gab: Eine Vielzahl von Plattformen mit unterschiedlichen Standards und Technologien, untereinander nicht kompatibel. Viele Insellösungen standen den Nutzern mit interessanten Inhalten zur Verfügung. Diese waren aber untereinander inkompatibel und konnten keine Multiplikatoreffekte erzielen. Ihre mangelnde „Sprachkompetenz“ und Fähigkeit zu übergreifender Kommunikation waren der Engpassfaktor dieser Zeit.

Vor den 1990er Jahren fehlte dem Internet eine gemeinsame Applikation um all die unterschiedlichen Maschinen mit ihren verschiedenen Services wie Telnet, FTP, Usenet, Archie, Gopher, etc. zu vereinen. Man konnte zwar auf den einzelnen Systemen wunderbar arbeiten, aber Informationen plattformübergreifend abzufragen oder auszutauschen war eine langwierige und komplizierte Aufgabe.

Der britische Computerwissenschaftler Sir Tim Berners Lee stand Ende der 1980er Jahre bei seinem damaligen Arbeitgeber, dem Kernforschungszentrum CERN, vor genau diesem Problem: Die Laboratorien auf französischem und schweizerischen Gebiet verwendeten unterschiedliche Netzstrukturen. Der Datenaustausch war kompliziert. So ersann er zusammen mit seinem Kollegen Robert Cailliau ein so genanntes Hypertext-Konzept, aus der er später die Seitenbeschreibungssprache HTML (Hypertext Markup Language) und das Transferprotokoll HTTP (Hypertext Transfer Protocol) entwickelte. Am 6. August 1991 schrieb Berners Lee daraus die erste Webseite. Das World Wide Web war geboren.

Von nun an konnten alle Computer im Internet einfach über eine simple Anwendung, den Webbrowser, abgerufen werden.

Das Internet erweitert sich auf Dinge
Das Internet der Dinge setzt zweifellos einen Meilenstein in der Geschichte vernetzter Kommunikation. Kleinere und schnellere Mikroprozessoren, Batterien mit besseren Kapazitäten und autonom agierende Netzwerke ermöglichen die Anbindung von immer mehr und immer kleineren Geräten mit dem Internet.

Aber die schiere Anzahl neuer Geräte von zahllosen Herstellern mit einer Vielzahl von Funktionen bringt auch eine große Zahl von Anwendungen und inkompatiblen Kommunikationswegen mit sich. Das macht das Internet der Dinge sehr komplex und führt wie schon einmal zuvor in der Geschichte des Internets zu unzähligen isolierten Datensilos.

Eine ganze Armada von Adaptern, Gateways und Übersetzungssoftware wird nötig, um all die verschiedenen Systeme zusammen zu bringen. Es ist wie bei einer internationalen Konferenz, auf der Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, unterschiedlichen Sprachen und einem riesigen Gefolge von Assistenten und Dolmetschern zusammenkommen: Da dauert es schon mal einen halben Tag, bis alle an einem Tisch sitzen und die ersten Begrüßungsworte ausgetauscht sind.

Geht es um kleinere Lösungen für den Heimgebrauch ist das alles noch zu verschmerzen. Aber was ist bei Großprojekten, die langfristig angelegt sind und auch eine gewisse Nachhaltigkeit verlangen? Geht es beispielsweise um die Bereiche Smart Cities, Gebäudeautomatisierung oder Industrial Internet, dann müssen wir uns die Frage stellen, ob die eingesetzte Technologie auch in fünf, zehn oder gar 20 Jahren noch verwendbar ist. Entscheidungsträger brauchen die Sicherheit, dass die einzusetzende Technologie skalierbar, flexibel und kosteneffizient ist.

Standarisierungen über das W3C
Das World Wide Web Consortium, kurz W3C (und ebenfalls Knowledge-Partner IoTcamp), ist das internationale Gremium zur Standarisierung der Techniken im World Wide Web. Die Organisation fördert die Zusammenarbeit zwischen Vertretern unterschiedlicher Industrien und der Entwicklung einheitlicher Standards. Eine ihrer jüngsten Arbeitsgruppen ist die „W3C Web of Things Interest Group“. Ihr Ziel ist es, Standards mit weltweiter Gültigkeit zu definieren, die die vielen einzelnen Datensilos im Internet der Dinge miteinander verbindet. Standards, die den vielen verbundenen Geräten eine Struktur geben und IoT-Installationen die Komplexität nehmen.

Lemonbeat smart Device Language
Auch Lemonbeat beteiligt sich mit eigenen Vorschlägen an der Entwicklung eines gemeinsamen Standards für das Internet der Dinge. Dafür wurde die Lemonbeat smart Device Language (LsDL) entwickelt, eine auf XML basierende Auszeichnungssprache für das Internet der Dinge. Als Teil der Web of Things Interest Group arbeitet Lemonbeat eng mit dem W3C und den beteiligten Industrievertretern zusammen. Auf regelmäßigen Treffen werden Entwicklungen diskutiert und auch auf praktischer Ebene die Kompatibilität von Prototypen getestet. So zuletzt im Juli 2016 auf dem Web of Things Meeting in der Beihang Universität in Peking.

Ein langer Weg zu einer gemeinsamen Sprache
Die ersten Ideen für einen Applikationslayer für das Internet der Dinge entstanden vor rund neun Jahren im Jahr 2007, als unterschiedliche Wissenschaftler ihre Arbeit an dem Konzept begannen. Unter Ihnen der britische Informatiker DPhil. Dave Raggett, einer der führenden Vertreter des W3C im Bereich Web of Things. Er ist einer der Vordenker, der die von Dr. Joerg Heuer (Siemens) geleitete Arbeitsgruppe tatkräftig unterstützt.